DOSB: „Gewalt gegen Frauen – nicht mit uns!“

Auch in diesem Jahr ruft der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gemeinsam mit den Kampfsportverbänden und dem Deutschen Behindertensportverband alle Kampfsportvereine und interessierte Sportvereine auf, Schnupperkurse zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen anzubieten. Details zur Anmeldung finden sich auf der Internetseite der Aktion „Gewalt gegen Frauen – nicht mit uns“.

Ziel der gemeinsamen Aktion ist es, gemeinsam mit Frauenberatungsstellen, Frauenhäusern, kommunalen Frauenbüros, UN-Women sowie dem Weißen Ring ein bundesweit starkes Netzwerk gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zu knüpfen.

Kampfsportvereine und Sportvereine können sich auf der Internetseite www.aktiongegengewalt.dosb.de anmelden und die eigenen Veranstaltungsdaten eintragen, so dass Interessierte sich auf diese Weise über Aktionen in ihrem Umfeld informieren können. Zudem stellt der DOSB auf dieser Seite für die teilnehmenden Vereine Flyer zum Download bereit.

Alle weiteren Informationen finden Sie unter www.aktiongegengewalt.dosb.de.

Jan Sadler – mit dem Autoscooter auf dem Weg nach Rio

Jan Sadler verkörpert sozusagen das LOTTO Sportinternat beim Landessportbund Niedersachsen. Seit der Internats-Neubau mit Beginn des Schuljahres 2010/2011 im Sportpark Hannover eröffnet wurde, wohnt der 20 Jahre alte Wedemarker dort. Im Vergleich zu den meisten anderen Sportlerinnen und Sportlern, die hier leben und trainieren (63 in Vollzeit, 48 in Teilzeit), gelten für Jan aber andere Voraussetzungen. Er kam mit offenem Rücken (Spina bifida) zur Welt, einer sogenannten Neuralrohrfehlbildung. Seit seinem fünften Lebensjahr sitzt er im Rollstuhl. Mehr oder weniger. „Was geht, mache ich zu Fuß“, sagt der Schüler der Kooperativen Gesamtschule Hemmingen – nur seinen Lieblingssport Basketball spielt er aus dem Rollstuhl heraus. Definitiv. „Das ist wie Autoscooter-Fahren mit Ball.“

Und das Spiel betreibt der ehemalige Jugend-Schwimmer erfolgreich wie kaum ein zweiter in seinem Alter in Deutschland: U23-Weltmeister im vergangenen Jahr, U22-Europameister 2012. Nominiert als Sportler des Jahres in Hannover und zur Wahl zum Behindertensportler des Jahres in Norddeutschland. Mit der Nationalmannschaft wurde er sogar schon als Team des Jahres im Behindertensport ausgezeichnet. Anfang des Jahres wurde er in den erweiterten Kader für die Weltmeisterschaft berufen, doch Sadler entschied sich erst einmal gegen den Kampf um einen Platz im Nationalteam und für die weitere Teilnahme am Kadertraining der Junioren.

Auch wenn die „Nachwuchsförderung im Leistungssport“ nicht jeden immer vor dem Abstieg retten kann – denn mit seinem Verein Hannover United wird er die Bundesliga wohl nicht halten können – sagt Jan Sadler aus tiefster Überzeugung: „Dass wir mit mehreren Spielern am Stützpunkt trainieren können, hat uns alle weiter entwickelt. Wir sind viel besser geworden.“ Und das, obwohl die Rollstuhl-Basketballer in und um Hannover nahezu täglich die Hallen wechseln müssen. Trotzdem seien die internationalen Erfolge mit der bundesweiten Bildung von Stützpunkten zu erklären. Wenn Sadler von seinem großen Ziel spricht, dann verwundert das kaum: „Ich halte Rio 2016 für machbar.“ 2012 waren er und weitere Sportler aus Niedersachsen mit dem Behinderten-Sportverband Niedersachsen bereits in London vor Ort. Als einfache, aber sehr begeisterte Zuschauer. „Das will ich selbst einmal erleben!“ Warum also nicht gleich bei der nächsten Gelegenheit in Brasilien in gut zwei Jahren? Die „Perspektive Gold“ wird ihn jedenfalls auf dem Weg dorthin begleiten.

Mehr Infos unter www.hannover-united.de.

DOSB-Beitrag über Jan Sadler (02.04.2014)

Mit dem Sportausweis ins „Deutsche Haus Paralympics“

Der Sportausweis präsentiert sich ab sofort auch auf internationaler Bühne. Als neuer Akkreditierungspartner des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS) in London 2012 regelt er den Zugang zum „Deutschen Haus Paralympics“. Während der Spiele gelangen Athleten, Trainer sowie nationale und internationale Gäste aus Wirtschaft, Sport und Politik mit dem Sportausweis zum offiziellen Treffpunkt der Mannschaft.

Der Ausweis
Der Ausweis ist mit einem Chip versehen und berechtigt zusätzlich jeden Inhaber, sich über www.sportausweis.de für die Vorteile der SportManagement-Karte freizuschalten. Dadurch erhalten die Gäste des „Deutschen Haus Paralympics“ einen exklusiven Mehrwert. „Dieses Vertrauen belegt die verlässlichen administrativen Funktionen unseres Ausweises, von denen auch deutsche Vereine im täglichen Gebrauch profitieren“, freut sich André Bortz, Geschäftsführer der Deutschen Sportausweis GmbH. Bereits heute wird der Sportausweis von vielen Vereinen als Zugangskontrolle zu Sportstätten wie Schwimmbädern und anderen Trainingseinrichtungen benutzt.

Das Deutsche Haus Paralympics
Das Deutsche Haus Paralympics ist, wie sein olympisches Pendant, im Museum of London Docklands (MoLD) beheimatet. Von 30. August bis 8. September ist die Einrichtung täglich ab 16 Uhr geöffnet und bietet Platz für rund 450 Sportler und akkreditierte Besucher. Verantwortlich für Planung und Organisation ist die Deutsche Sport-Marketing GmbH (DSM) als offizielle Vermarktungsagentur des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Deutschen Behindertensportbunds (DBS). Unterstützt wird sie durch ihren langjährigen Partner Messe Düsseldorf.

Vanessa Low und die Paralympics

Vor sechs Jahren wurde die damalige Schülerin in ihrer norddeutschen Heimat Ratzeburg von einem Zug erfasst. Die Ärzte müssen Vanessa Low beide Beine bis zum Oberschenkel amputieren. Zwei Monate lang liegt sie im Koma, fünf Monate im Krankenhaus. Dort beschließt sie, weiterhin Sport zu treiben und entscheidet sich für die Leichtathletik. Bis heute mit großem Erfolg. Seit 2009 startet die angehende Mediendesignerin für Leverkusen, wird von der ehemaligen Speerwerferin Steffi Nerius trainiert und  wohnt mit ihrem Freund Markus Rehm im Rheinland, der ebenfalls bei den Paralympics starten wird.

DSA_120724_Header_InterviewVanessa, sind Sie schon nervös?
Ich merke, dass London immer näher rückt. Die Paralympics sind unser einziger wirklich öffentlicher Wettkampf und damit steigt auch der Druck. Das kommt  durch meine Ansprüche sowie die Erwartungen und Wünsche der Familie, die ich mit mir trage. Meine Trainerin Steffi Nerius sagt, gewonnen wird im Kopf.  Momentan durchlebe ich immer wieder meinen Wettkampftag. Vom Aufstehen bis zum Wettkampf.  Aber noch ohne Resultat…

Wie würden Sie denn ihr Potenzial bewerten?
Im ersten Wettkampf nach dem Trainingslager im Mai bin ich in Leverkusen 4,21m gesprungen. Bestleistung, inoffizieller Weltrekord. Im Training geht es auch schon weiter. Wenn ich überlege, dass ich erst im vierten Jahr springe, dann ist da sicher noch Potenzial. Und ich habe seit gut einem Jahr kaum noch Beschwerden im Training durch Druckstellen oder ähnliches.

Welche Rolle spielen dabei Ihre Prothesen?
Bei meinem ersten Erfolg in Bangalore 2009 hatte ich noch steife Prothesen. Danach bekam ich dann Prothesen mit Kniegelenk. Es braucht zwar lange, bis man die richtig beherrscht. Ich bin jetzt erst wieder so schnell wie damals. Aber beim Weitsprung brauchst Du das Kniegelenk. Es ist der Knackpunkt für gute Sprünge.  Richtig interessant könnte es für mich dann noch werden, wenn jemand ein Kniegelenk erfindet, das nahe an dem menschlichen Leistungsvermögen ist. Dann könnte ich auch weitenmäßig mit den Unterschenkelamputierten mithalten.

Was ist denn für Sie die besondere Herausforderung beim Weitsprung?
Man muss die Federn der Prothese beherrschen, denn jeder Fehltritt wird bestraft. Da ich eine der wenigen Doppel-Oberschenkelamputierten bin,  ist bei mir mit zwei Federn das Potential für Fehler noch größer.  Jeder Schritt muss passen, damit man dann richtig zum Brett kommt. Dann muss ich den Absprung richtig treffen. Nicht zu fest, nicht zu steil. Wenn ich mit 100 Prozent auf die Prothese knallen würde, katapultieren die Federn den Oberkörper-Schwerpunkt zu weit nach vorne und ich kann die Balance nicht halten. Es ist also eine Frage der Dosierung und Technik.

Wie hoch ist dann der Anteil des richtigen Materials am Erfolg?
Ich schätze, dass Talent circa 20 bis 30 Prozent des Erfolgs ausmacht. 60 Prozent  kommen durch das Training – und die letzten 10 bis 20 Prozent macht das Material aus. Das kann also ein sehr entscheidender Anteil sein.

Ist ihre Familie in London mit dabei?
Das Verhältnis ist durch den Unfall noch enger geworden.  Das sieht man schon daran, dass meine Mutter Silvia meine beste Freundin ist. Mein Vater André hat immer alle Zahlen und Wettkampftermine im Kopf. Er war früher auch Leichtathlet und sicher lebe ich auch seinen Olympischen oder Paralympischen Traum. Meine Eltern sind in London auf jeden Fall dabei, meine Schwestern Cynthia und Olivia bleiben zuhause.

Sie wirken sehr erwachsen mit Ihren 21 Jahren, oder täuscht das?
Durch meinen Unfall bin ich sehr schnell erwachsen geworden, viel schneller als beispielsweise meine Klassenkameraden. Ich war früher nicht so ehrgeizig und zielstrebig. Meine Eltern sagen, ich war als  Kind eine Katastrophe und habe viel, viel Blödsinn gemacht.

Haben Sie Vorbilder in Ihrem Sport?
Katy Sullivan und Cameron Clapp. Ihr Lebensmut hat mir Kraft gegeben, von Anfang an. Cameron ist nach einem Zugunfall dreifach amputiert und läuft trotzdem.  Katy fehlt das gleiche wie mir. Und heute ist sie meine direkte Konkurrentin, fantastisch.

Was bringt Ihnen Ihr Sport?
Mein Sport vermittelt mir tolle Erlebnisse. Ohne Sport hätte ich das alles nicht erleben dürfen. Kein Weltrekorde, keine Weltmeisterschaften und auch keine Paralympics.

Und was wünschen Sie sich für Ihren Sport?
Das der Sport mehr in der Öffentlichkeit und in den Köpfen der Menschen bleibt. Nicht wieder für vier Jahre verschwindet. Und das sich bei vielen Menschen und Institutionen durch die jetzt ansteigenden Berichterstattung grundlegend die Einstellung gegenüber dem Behindertensport verändert. Meine Krankenkasse hat mir damals die Bezahlung meiner Sportprothese abgelehnt, weil es kein Grundbedürfnis auf ein sportliches Leben gäbe. Und viele Eltern wollen nicht wahrhaben, dass ihre Kinder behindert sind. Das ist sehr, sehr schade, denn sie nehmen ihnen damit die Chance, sich auf Augenhöhe sportlich zu messen anstatt hinterher zu laufen. Das sollte sich grundlegend ändern.

Quelle: Deutscher Behindertensportverband